Rede des Kritischen Kollektivs

In der Nacht vom vergangenen Sonntag auf den Montag wurde ein Brandanschlag auf die Wormser Synagoge verübt. Es ist noch nicht restlos geklärt, aus welcher Ecke die Täter kommen oder von welcher Spielart des Antisemitismus sie ihre Motivation bezogen.

Was das mit Griechenland zu tun hat? Nun, bei allen Unterschieden zwischen den antisemitischen Hetzkampagnen der Dreißiger Jahre und der aktuellen Kampagne gegen die Menschen in Griechenland fallen immerhin drei Gemeinsamkeiten auf:
Zum einen wurden bestehende Klischees „des Griechen“ zu Ressentiments weiter ausgebaut und haben weite Teile der Bevölkerung ergriffen.
Zum anderen wird in der deutschen Öffentlichkeit – teils subtil, teils offen – den Menschen in Griechenland zunehmend die Schuld an der krisenhaften Lage auch in der Bundesrepublik untergeschoben.
Und drittens werden die Menschen in Griechenland nun zu Sündenböcken gemacht, und zwar genau aufgrund der Rolle, in die Exportländer wie Deutschland sie erst gedrängt haben. Deutschland hatte jedes Interesse daran, sich Griechenland als Exportmarkt zu halten, zur „Party“, von der gerne gesprochen wird, hat niemand anderes als Deutschland geladen, und es war niemand anderes dringender Wunsch, diese Party auszurichten, als die der deutschen Exportindustrie.

Forciert von Medienkampagnen und Politikeräußerungen tritt nun auf Wohnzimmersofas und Stammtischen ein von vielen Menschen bereitwillig aufgenommenes Griechenland-Bashing nun vollends an die Stelle jeder Systemkritik. Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft wird immer mehr in einen Widerspruch zu Solidarität zwischen den Menschen hier und dort gesetzt.
So nähern sich Menschen, die bislang nie politisch auffällig waren, zunehmend deutschnationalen Parolen an, und es fehlt nicht mehr viel, bis „Deutsche zuerst“ oder „Sozial geht nur national“ in der breiten Öffentlichkeit akzeptierte, gar mehrheitsfähige Losungen sind.

Es kommt daher sehr wohl darauf an, dass wir unsere Kritik am Ganzen auf die Straße tragen.
Und auch wenn die Kritik am Kapitalismus schlechthin überhaupt erst den Weg aus der Krise weisen und die Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft eröffnen kann, reicht sie nicht aus. Es muss uns gleichzeitig auch darum gehen zu verhindern, dass die Schuld an der Ungerechtigkeit in diesem Land auf jemand anderes projiziert wird. Je tiefer die Krise, umso wichtiger wird der Kampf gegen eine neue Welle regressiver, nationalistischer Tendenzen.

Auch darum zeigen wir uns heute und hier solidarisch mit den Menschen, die in Griechenland auf die Straße gehen für eine andere Gesellschaft.
Menschen in Deutschland, Griechenland und anderswo: lasst Euch nicht gegeneinander ausspielen!

Es ist eine Krise und es ist ein Kampf!
One crisis and one struggle!

Redemanuskript des Kritischen Kollektivs Mainz/Worms/Mannheim, gehalten am 19. Mai 2010 vor der kfw-Bank in Frankfurt anlässlich der Solidemo mit den Kämpfenden in Griechenland.